Juckreiz

2025

für Violine, B-Klarinette, Kontrabass und Sprecher

Text und Musik: Gerda Poppa

Entstanden im Auftrag des Schallwende-Festivals Feldkirch zum Thema „Galgenhumor“.

Uraufführung: 20. September 2025 im Theater am Saumarkt Feldkirch durch das Janus-Ensemble, Sprecherin: Renate Burtscher

Dauer: ca. 12 Minuten

Text Juckreiz (Gerda Poppa)

Irgendwo im All dreht ein Planet seine Runden, völlig schmerzfrei, nirgends drückt es, spannt es, juckt es. In seinem Innern brodelt es wohlig, die Atmosphäre rekonvalesziert und die Meere glitzern tiefenentspannt in der Sonne. Die Urwälder machen aufbauende Atemübungen und die Gebirge liegen einfach nur so da. Also Ruhe und Frieden überall. Das war aber nicht immer so, der Planet war nämlich mal bewohnt. Zuerst nur von Tieren, das ist jetzt auch schon wieder ein Weilchen her. Friedlich und angenehm war diese Zeit.

Doch dann wurde der Planet vom Menschen befallen.

Es begann mit einem seltsamen Jucken irgendwo im Süden. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie lästig das war. Denn der Planet konnte sich ja nicht kratzen und das Jucken hörte nicht auf, ganz im Gegenteil. Eigentlich wäre es kein Problem gewesen, wenn es wirklich nur EIN Mensch gewesen wäre – also Einzahl! Oder Zweizahl oder von mir aus auch Hundertzahl. Aber die Menschen taten nichts lieber, als sich zu vermehren und schließlich wuchs es sich zu einer richtigen Pandemie aus.

Mit der Zeit teilten die Menschen den Planeten unter sich auf und ein Haufen hockte im Norden und ein anderer im Süden. Dasselbe dann im Westen und Osten. Und da hockten sie und waren unzufrieden. Denn sie wollten eigentlich auch das Land des Haufens daneben. Und darunter. Und darüber. Und so begannen sie, einander zu belästigen. Sie nahmen die Keulen ihrer Vorfahren und entwickelten sie zeitgemäß weiter. Man war ja inzwischen zivilisiert! Die eine Clique besaß aber mehr von diesen Dingern als die andere, und die dritte noch mehr und so nahm es kein Ende. Die Menschen erfanden irgendwann sogar etwas, womit sie mit einem einzigen Knopfdruck alle Lebewesen auf einmal auslöschen konnten. Aber anstatt endlich auf diesen blöden Knopf zu drücken und für Ruhe zu sorgen, mussten sie natürlich die langsame Tour wählen!         

Noch etwas muss ich euch erzählen, das ist so absurd! Die Menschen stanzten kleine Metallstücke und bedruckten kleine Papierfetzen. Und das Ganze nannten sie dann Geld. Sie tauschten dieses sogenannte Geld gegen alles, was sie unbedingt haben mussten. Und sie mussten vieles unbedingt haben, ohne dass sie es wirklich unbedingt haben mussten. Später gab es dasselbe ohne Papier und Metall, nur noch mit Zahlen. Aber das wurde dann recht unübersichtlich, nahezu kryptisch.

In ihrer Gier nach diesen Tauschmitteln wurden die Menschen schließlich so richtig anstrengend. Sie rasierten die Urwälder ab und für die Gewässer erfanden sie den Slogan „Plastik statt Fische“. Grasgrün ersetzten sie durch Betongrau und der Luft nahmen sie – naja, die Luft eben. Natürlich veränderte sich der Planet dadurch – Klima und Natur und so. Aber man muss eben Prioritäten setzen!

Klar gab es auch etliche, die den Planeten verteidigten. Sie klebten sich sogar zeitweise an seiner Oberfläche fest, um andere höflich auf den drohenden Knock-out der Umwelt hinzuweisen. Aber wie wir heute wissen, war die Wirkung überschaubar. Dafür boomte die Reisebranche: Sehen Sie den letzten Gletscher kalben! Und: Fotosafari zu den größten Waldbränden der Welt! Auch eine Fahrt mit dem Glasbodenboot ÜBER Venedig war dabei. 

Die restlichen Tiere machten es sich leicht – sie starben einfach aus. Aber der Planet musste das alles bei lebendigem Leibe ertragen und schlitterte in ein richtiges Burnout. Doch das juckte die Menschen nicht.  Die Nahrungsmittel kamen nun eben aus synthetischem Anbau und waren „trendy“ oder „stylisch“. Sie veranstalteten Verkaufspartys für coole Strahlenschutzanzüge mit integrierter Filtermaske und promoteten „leckere Getränke mit abgekochtem Wasser“. Besonders exklusiv galt „nostalgische Holzkunst vom letzten Baum“ und für die Kinder gab es Retro-Videos mit Tierfilmen. Wenn ihr mich fragt, war diese Entwicklung eigentlich logisch – die Intelligenz war nämlich mittlerweile auch künstlich.

Naja, der Planet saß dann aber doch am längeren Hebel. Irgendwann gab es nämlich nichts mehr auf der Erde, was die Menschen zerstören oder vermarkten konnten und sie verloren den Sinn des Lebens. So machten sie es den Tieren nach – und starben ebenfalls aus. Und der Planet schwebt jetzt im All, völlig schmerzfrei, nirgends drückt es, spannt es, juck… (Pause) Oje! Nicht schon wieder!

copyright by Gerda Poppa

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